Eine Freundschaft bis in den Tod

Einmal im Monat kommt die Welt zu Willie Trottie. Seine Zelle ist so groß wie eine Abstellkammer, die Fenster sind nur einen Spalt breit, von seinem Bett aus kann er die Toilette und das Waschbecken berühren. Nur zum Duschen und zum Hofgang darf er die Zelle verlassen. Willie Trottie hat bei einem Familienstreit seinen Schwager erschossen. Seit 18 Jahren ist er inhaftiert. Einmal im Monat bringt die Post Briefe aus Deutschland, die sein Leben erträglicher machen sollen. „D/Row“ steht auf dem Umschlag, Death Row, Todestrakt.

Die Absenderin ist Gabriele Uhl. Sie schickt ihre Briefe aus Taunusstein (Hessen) nach Livingston (Texas). Seit 13 Jahren schon schreibt die Musik- und Religionslehrerin Todestrakt-Insassen in Amerika. Zurzeit hat sie gleich mehrere Brieffreunde. „Ich will den Menschen ein Gesprächspartner sein und helfen.“ Die Achtundvierzigjährige sitzt auf dem Bett. Auf dem Nachttisch liegen Bücher über die Todesstrafe. An der Schrankwand kleben Polaroids: Gabriele Uhl vor Gefängnisgittern, im Besuchsraum des Todestraktes, mit ihren Brieffreunden. Für ein Foto muss sie den Justizvollzugsbeamten drei Dollar zahlen. Soviel kostet ein Abbild mit den Todgeweihten offiziell.

Zwei Mal im Jahr fliegt sie nach Texas, um die Insassen näher kennenzulernen. Länger als vier oder fünf Tage bleibt sie nie dort. Sie ist sich der Schuld ihrer Brieffreunde bewusst. Natürlich gehören Verbrechen bestraft. Doch der erzwungene Tod bringt nichts. „Eine Todesstrafe, die irgendwann vollstreckt wird, schreckt niemanden ab.“ Gabriele Uhl versteht nicht, warum auch die Familien der Täter „durch diese Hölle“ gehen müssen. Sie denkt aber auch viel an die Angehörigen der Opfer. Man müsse ihnen helfen, daher spende sie auch für den „Weißen Ring“. Ihre Brieffreunde, das weiß sie, sitzen nicht ohne Grund im Todestrakt.

Mit dem Mörder Clifford Boggess fing alles an. Eine Bekannte hatte ihm bereits drei Jahre lang geschrieben, als die amerikanischen Justizbehörden den Termin seiner Hinrichtung festsetzten. Sie wollte ihn wenigstens einmal besucht haben, traute sich aber nicht, allein nach Texas zu fliegen. Also begleitete Uhl die Bekannte, die erst 15 Jahre alt war, als sie sich auf die Freundschaft einließ – ihr Religionslehrer hatte die Todesstrafe im Unterricht behandelt. Sie besuchten Boggess im Dezember 1997. Der Texaner hatte zwölf Jahre zuvor auf einer Sauf- und Drogentour einen Mann erschossen und einem anderem die Kehle durchgeschnitten. Als Gabriele Uhl den Mörder traf, erkannte sie in ihm einen sanftmütigen Menschen. „Ich wusste, dass er mit seinen Händen getötet hatte. Aber ich habe ihm abgenommen, dass er sich verändert hat.“ Im Gefängnis sei Boggess gläubig geworden und habe angefangen zu zeichnen. Er skizzierte Hinrichtungsräume, sein Innenleben, auch Landschaften. Seiner neuen Brieffreundin widmete er das Gemälde „Moonlit Night“, ein wolkenverhangener Mond, der sich im Wasser spiegelt. Es hängt über ihrem Bett.

„Er versteht mich in der Tiefe meines Wesens“

Nach dem Besuch im Todestrakt begann der Briefwechsel mit Häftling 887. Am Anfang berichtete sie ihm von ihren Problemen. Sie wusste, dass er eine schwere Kindheit gehabt hatte, sich nie geliebt fühlte. „Beim dritten Brief hatte ich das Gefühl, er versteht mich in der Tiefe meines Wesens und mit meinen Problemen besser als sonst jemand.“ Uhl sagt, manche Frauen verliebten sich in ihre Brieffreunde und heirateten sie. „Wenn ein Mann im Gefängnis sitzt, kann er einer Frau nicht zu nahe treten. Aber er kann auch nicht weglaufen.“

Die Kontakte zwischen Freiheit und Gefängnis seien ein richtiges Geschäft, sagt eine Szenekennerin, die eine Homepage gegen die Todesstrafe betreibt und ihren Namen nicht in der Zeitung lesen möchte. Meist seien es Frauen, die den Todestrakt-Insassen schrieben. Die Häftlinge vermittelten die Adressen der potentiellen Briefpartnerinnen weiter und bewerteten, ob „wify material“ dabei sei, ob die Frauen heiratsfähig oder -willig seien. Sie sei selbst einmal mit einem Insassen verheiratet gewesen und in die Vereinigten Staaten gezogen. Sie habe sich allerdings bald wieder scheiden lassen, weil sie keinen Sinn mehr in einer solchen Beziehung sah.

Man hat eine Verantwortung gegenüber dem Häftling

Drei Monate nach dem ersten Besuch flog Gabriele Uhl mit ihrer Bekannten noch einmal nach Texas. Die Frauen wollten bei der Hinrichtung von Clifford Boggess dabei sein. Es war der 11. Juni 1998, der 33. Geburtstag des Häftlings. „Er wollte, dass die Hinrichtung an diesem Tag stattfindet.“ Seine Henkersmahlzeit bestand aus zwei doppelten Cheeseburgern, Salat, Pommes, Pepsi, einem Brownie, Eis und einem Stück Kuchen. Als Uhl den Zeugenraum betrat, war Boggess schon auf der Liege festgeschnallt. „Ich hatte das Gefühl, ich bin in einem falschen Film.“ Die Situation kam ihr unrealistisch vor. „Jeder Handgriff war geplant wie bei einem Ritual.“ Doch der Mörder habe gelächelt auf der Liege, er habe geglaubt, sein Tod sei ein Schritt in ein besseres Leben.

Man solle sich fünfmal überlegen, ob man sich auf eine solche Brieffreundschaft einlassen wolle, sagt Uhl. Ob man sich einer solchen Belastung gewachsen fühlt. Schließlich hat man eine Verantwortung gegenüber dem Häftling.

Seit der Brieffreundschaft mit Clifford Boggess schreibt sie mindestens zwei Häftlingen gleichzeitig. So komme sie psychisch besser damit klar. Ab und zu überweise sie auch Geld auf die Konten ihrer Brieffreunde, mal 20, mal 50 Dollar – die Häftlinge sollten nicht für das Porto zahlen. Uhl fällt es schwer zu sagen, warum sie die Brieffreundschaften so lange aufrecht erhält. Vielleicht aus Nächstenliebe.Vielleicht, um zu helfen. Vielleicht, um den Insassen ein Tor zur Welt zu öffnen.

„Ich wollte nicht wissen, was er getan hat“

In Gießen, in einem anderen Leben, in einer anderen Welt, rührt Marcus Hübner in einem Café in seinem Latte Macchiato. Der 21 Jahre alte Theologiestudent, strubbelige dunkelblonde Haare, trägt ein T-Shirt mit der Aufschrift „He died for you“ – mit „he“ ist Jesus gemeint. Um die Buchstaben schlängelt sich ein aufgedruckter Rosenkranz. Gut ein halbes Jahr lang hatte Hübner eine Freundschaft mit John Knight, der in Wahrheit einen anderen Namen trägt. „Ich wollte nicht wissen, was er getan hat oder wie er lebt. Ich wollte ihn als Mensch wertschätzen.“ Für Hübner spielte es keine Rolle, ob Knight seine Taten bereut. „Auch wenn jemand einen Mord aus Überzeugung begangen hat, würde ich ihm weiter schreiben.“

Hübner wusste, die Freundschaft zu dem 34 Jahre alten Häftling war endlich, sie kann zu einer psychischen Belastung werden. Doch der Wunsch zu helfen wog schwerer. Also ließ er sich von der Leiterin einer Schweizer Agentur, die Brieffreundschaften zu Todestrakt-Insassen vermittelt, beraten und die Adresse von Knight schicken. „Egal, was ein Häftling getan hat: Er hat jemanden verdient, der die Würde in ihm erkennt und schätzt.“

Dem Studenten fiel es nicht leicht, die ersten Sätze zu schreiben. Mit einem Kugelschreiber kritzelte er sie auf das Papier. Schrieb ihm, warum er ihm schrieb. Als Christ habe er Knight helfen wollen, ihm klar machen wollen, dass die Todesstrafe gegen den Wert des menschlichen Lebens spreche. Hübner sagt, er habe viel von seiner Persönlichkeit preisgegeben, von seiner Familie, seinen Interessen. „Ich habe ihm sogar Dinge erzählt, die ich nicht jedem erzählen würde.“ Für Knight war es die einzige Möglichkeit am Leben teilzuhaben, etwas über die Welt jenseits der Gitterstäbe zu erfahren – war. Denn die Brieffreundschaft riss ab. „Auf die letzten zwei Briefe hat mein Freund aus Amerika nicht mehr geantwortet.“

Von Kristin Haug, © FAZ, Deutschland und die Welt, 21. 11. 2011

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