Das ist ein Überschall!

Heijeijeijeijeijeijeijeijei. Wooooop. Mit ihrer überschallartigen Ska-Funk-Bucovina-Blasmusik bringt LaBrassBanda Massen zum Kochen. Jetzt ist das neue Album der Oberbayern erschienen. „Europa“ glänzt mit Perfektion in Rekordtempo.

Von Kristin Haug © SPIEGEL ONLINE, 14. 06.  2013

Sie rasten aus. Werfen ihre Beine in die Höhe, schütteln die Arme im Takt, hüpfen mit den Körpern gegeneinander. Abfahrt. Die Menschen, die zu LaBrassBanda kommen, verlassen die Konzerte meist völlig fertig, verschwitzt, euphorisiert. Benebelt von den überschallartig über sie hereinbrechenden Liedern. Verwirrt von den schnellen Rhythmen. Überrascht von der eigenen Ekstase, die bayerische Blasmusik in ihnen auslöst. Manche werden am nächsten Tag die Muskeln spüren, blaue Flecke finden.

Vor knapp sechs Jahren haben die fünf Jungs zu LaBrassBanda zusammengefunden: Trompeter Stefan Dettl, Posaunist Manuel Winbeck, Tubist Andreas Hofmeir, Schlagzeuger Manuel da Coll und Bassist Oliver Wrage. Auf großen Bühnen und kleinen Clubs, an Straßenzügen und in Bierzelten spielte die lederbehoste, barfüßige Band schon. In der Münchner Olympiahalle wollten sie 10.000 Fans sehen. Zwei Alben haben die Chiemgauer bislang veröffentlicht. Jetzt beginnt eine neue Zeit für die professionell ausgebildeten Musiker: An diesem Freitag erscheint ihr neues Album „Europa“. Es ist etwas melancholischer als „Habediehre“ und „Übersee“. Aber es hat mehr Biss, mehr Kraft, mehr Feuer, mehr Elektro, mehr Vielseitigkeit.

Ein neuer Bassist ist mit an Bord, weil Oliver Wrage vor einer Woche Vater geworden ist und die rund 50 Auftritte in den nächsten Monaten nicht schaffen würde. Ein neuer Percussionist und zwei neue Trompeter sind außerdem mit dabei. Sie sollen den Auftritten noch mehr Wumms geben.

Mehr Spuren auf der Bühne

Vor dem Tourstart spielt LaBrassBanda im Studio des Südwestrundfunks. Pressetermin. Draußen ist es heiß, keine Wolke am Himmel, seit drei Tagen schönes Wetter in Süddeutschland. Ins Foyer kommen Posaunist Winbeck und Tubist Hofmeir, der sich einen warmen Kakao bestellt. „Wir nähern uns bei den Auftritten immer mehr dem Klang der CD an“, sagt er. Es ist mehrspurig aufgenommen und die zusätzlichen Trompeten sollen diese Mehrspurigkeit auf die Bühne bringen.

Das erste Lied auf der Platte „Tecno“ weist nach vorn, es bebt, es lodert, es spricht zum Hörer. Jetzt geht’s los. Aufi. Pack ma’s. Trompeter Dettl spielt einen harten, klaren, technisch einwandfreien Ton – schnell und scharf. Wenn die Band ein Auto wäre, dann dürfte niemals eine Geschwindigkeitsbegrenzung eingeführt werden.

Mit „Nackert“ wollten die Musiker Deutschland auf dem Eurovision Song Contest in Malmö vertreten. Lange haben sie darüber diskutiert, ob sie überhaupt teilnehmen sollten, weil jeder Interpret mit Halbplayback auftreten sollte. Doch Playback verhält sich zu LaBrassBanda wie Borussia Dortmund zu Bayern München. Als ihnen die Organisatoren schließlich erlaubten live zu spielen, machten sie mit. Dann belegten sie hinter Cascada den zweiten Platz. Sängerin Natalie Horler scheiterte in Malmö. Und LaBrassBanda hatte sich an einem Wettbewerb versucht, der so gar nicht zum ländlich-herzlichen Image der besonnenen Bauersbuam passt. Vielleicht sind sie mit diesem Schritt ein bisschen bekannter in Deutschland geworden. Doch nötig hätten sie es nicht gehabt.

Im vergangenen Jahr haben sich die Musiker voneinander frei genommen, durchgeschnauft, Soloprojekte realisiert. Abwechslung sei wichtig, sagt Hofmeir. „Man will ja nicht jeden Tag Rinderbraten essen, auch wenn er lecker ist.“ Diese Rastlosigkeit und Suche und Vielfalt ist dem Album anzumerken.

Mit „Russland“ reisen die Hörer in die Weite, in die Steppe. Das Lied klingt nach „Spiel mir das Lied vom Tod“. Nach Prärie, Einsamkeit, nach Wildem Westen. Dettl hat es schon vor vielen Monaten geschrieben und stellte sich vor, wie das einstige Zarenreich wohl klingen mag. Dettls Russland ist nachdenklich, traurig, aber auch hoffnungsvoll, aufatmend.

Loopings mit doppelten Rittbergern

Es setzt einen starken Kontrast zu „Holland“, das sehr quengelig daherkommt, nörgelnd und eher an den Balkan erinnert. „Heijeijeijeijeijeijeijeijei, wooooow“ singt Dettl hier. Sein Gesang – das sind Loopings mit doppelten Rittbergern, Auerbacher mit 360-Flips auf einmal performt. Wann holt der Junge Luft? Was singt er da eigentlich? Nichts ist zu verstehen. Aber eigentlich muss man bei dem raubeinigen Krawall auch gar nichts verstehen, so perfekt ist er einstudiert.

„Europa“ ist ein Interrail-Ticket mit spontaner Zug- und Platzwahl. Es hält sich nicht an Vorgaben, folgt keinem Muster. Interpretiert nicht nur Länder, sondern mit „Opa“ und „Jacqueline“ auch Gefühlszustände. „Wir müssen erst noch sehen, bei welchem Lied die Leute abgehen werden“, sagt Hofmeir. Der Tubist setzt seine Spielsteine auf „Z’spat dro“. Die Töne jagen den Text oder andersherum, Ska bricht durch, drängt, fordert, stößt nach vorn, hob hob hob, der Nachschlag ist sauber gespielt – so wie schon bei „Autobahn“.

Vielleicht wird „Z’spat dro“ das nächste große Lied, das die Fans wieder und wieder einfordern werden. Ein Lied, bei dem sie die Beine in die Höhe werfen werden, die Arme im Takt schütteln und mit ihren Körpern gegeneinander hüpfen. Abfahrt.

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