Läuft noch rund

Wie das DDR-Moped „Schwalbe“ zum Roller der Großstadt-Hipster wurde

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von Kristin Haug (© Die ZEIT, August 2014)

Vadim Bekichev dreht am Gas, tritt den Kickstarter, zieht die Kupplung. Erster Gang. Zieht die Kupplung. Zweiter Gang. Da brüllt der Roller, da knattert er. Fast täglich rumpelt Bekichev, ein 32 Jahre alter Anwalt, auf seinem Moped durch Hamburg. Er ist ein schmaler Mann, er trägt einen schwarzen Trenchcoat und eine eng geschnittene Hose. Er legt Wert auf sein Äußeres.

Sein Roller, das ist eine Schwalbe, jahrzehntealt, gebaut noch in der DDR. Das Modell der Marke Simson wird längst nicht mehr produziert, aber viele wollen es haben. Denn die Schwalbe, dieses Ost-Relikt, fährt noch. Ist zu Tausenden in den Städten unterwegs, in Berlin, Frankfurt am Main, Köln. Sie wird, immer öfter, von jungen Großstadt-Hipstern genutzt. Manche bezahlen für das Fahrzeug bis zu 2000 Euro. Das ist mehr, als mancher nagelneuer Roller kosten würde.

Dabei sah es nach dem Mauerfall so aus, als sei die Schwalbe über kurz oder lang ein Fall für den Schrottplatz. Als stünde ihr dasselbe Schicksal bevor wie dem Trabi oder dem Wartburg – den Auto-Erfindungen der DDR. Diese sind allenfalls noch ein Fall für Fanklubs oder Museen.

Dass es mit der Schwalbe anders ist, hat mehrere Gründe. Es liege natürlich am Design, sagt Vadim Bekichev, der Hamburger Anwalt. Aber das reicht als Erklärung nicht aus. Es liegt auch daran, dass dieser Roller schneller fährt als alle anderen. Und dass er ein Lebensgefühl trifft.

Als Vadim Bekichev die Schwalbe vor vier Jahren ersteigerte, da war das Modell im Westen noch ein Geheimtipp. So etwas hatte er zuvor noch nicht gesehen. Bekichev wusste nicht einmal, dass es sich dabei um eine DDR-Erfindung handelte. Es hätte auch keine Rolle gespielt, sagt er. Seine Schwalbe war rosa lackiert, ein bisschen rostig, mit einigen Macken. Aber Bekichev musste nur den Vergaser reinigen, schon war sie fahrtüchtig.

Nun bringt ihn der Roller zu Mandanten oder in die Kanzlei. Und zwar flugs. „Schneller zieht keiner an“, sagt Bekichev. Normalerweise fahren Roller nicht mehr als 45 Kilometer pro Stunde. So schreibt es das Gesetz vor, für alle höheren Geschwindigkeiten ist ein Motorradführerschein erforderlich. Die Schwalbe aber kann auf bis zu 60 Stundenkilometer beschleunigt werden. Und das ist dem Einigungsvertrag zu verdanken: Darin wurde festgelegt, dass alte DDR-Motorroller mit jener Höchstgeschwindigkeit fahren dürfen, die noch in der DDR galt.

Vielleicht dachte man damals, dass sich die Ausnahmeregelung innerhalb weniger Jahre erledigt haben würde. Weit gefehlt.

Ein Mann kann besonders gut erklären, woran das liegt: der Ingenieur Erhard Werner, 81, aus Suhl. Er ist der Mann, der die Schwalbe mit erfunden hat, vor 50 Jahren. Werner war Chefkonstrukteur im VEB Fahrzeug- und Jagdwaffenwerk Simson, Suhl. Dort, im Thüringer Wald, wurden die Motorroller produziert. Simson legte damals eine sogenannte Vogelserie auf, mit Modellen wie Spatz, Sperber, Habicht. Und Schwalbe. „Wir hätten nie gedacht, dass die so lange gefahren würde. Nie im Leben“, sagt Werner. Inzwischen sehe er den Roller manchmal sogar im Urlaub in der Schweiz oder in Österreich. „Dann weiß ich, dass er lebt und noch lange leben wird.“ Dann sei er glücklich.

Werner sagt, dass an kaum einem Modell so lange getüftelt worden sei wie an der Schwalbe. Bevor das Modell überhaupt in Serie produziert werden durfte, musste Werner nachweisen, dass der Prototyp mindestens 40 000 Kilometer ohne Generalreparatur durchhalten konnte. Ausschließlich Verschleißteile wie Reifen oder Bremsbeläge durften in dieser Testphase kaputtgehen.

In einem Land, in dem die Menschen zehn, zwölf, manchmal vierzehn Jahre auf ein Auto warten mussten, sollte die Schwalbe die Menschen mobil machen. „Es gab ja vor allem Fahrräder und kaum Autos“, sagt Werner. Die Schwalbe brachte die Jugend zur Schule, die Bauern aufs Feld, die Väter und Mütter zur Arbeit. Mehr als eine Million Exemplare wurden zwischen 1964 und 1985 produziert. Die Schwalbe war der ostdeutsche Gegenentwurf zur italienischen Vespa.

Überhaupt, die Vespa. Werner sollte sich, das war die Vorgabe des VEB, bei der Entwicklung der Schwalbe auch an der Vespa orientieren. Daran, wie die beschleunigt und bremst. Er durfte eine besorgen, im Westen. Die Suhler Straßen waren nicht gut asphaltiert, es holperte und rumste, als Werner mit der Vespa durch die Stadt fuhr. Dann kam ein Gullydeckel. „Es gab einen Schlag, der rechte Seitendeckel fiel ab.“ Er habe danach beschlossen, sich nicht so viel von der Vespa abzugucken.

Werner und seine Kollegen entwickelten die Schwalbe über Jahrzehnte immer weiter. Auch deshalb fährt sie heute noch.

Nach der Wende brachen für Simson die Absatzmärkte weg. Das Unternehmen ging in Konkurs. Drei Versuche gab es, die Produktion wieder aufzunehmen. Aber alle Wiederbelebungsversuche scheiterten. Es waren nicht die neuen Schwalben, die sich verkauften. Es waren die alten.

Neulich wurde in Suhl der Geburtstag des Rollers mit einem Festwochenende gefeiert. Rund tausend Fahrer waren da, unter ihnen war auch Matthias Fiedler, 31, aus Würzburg. Fiedler fuhr die Strecke, rund 140 Kilometer, natürlich auf seinem Moped. Eine Rekordstrecke war das jedoch bei Weitem nicht. Vor einigen Jahren reiste ein Hamburger auf seiner Schwalbe von daheim aus bis nach Kapstadt.

Matthias Fiedler, der Würzburger, ist in Görlitz geboren, in Berlin aufgewachsen und zum Studium nach Bayern gegangen. Er arbeitet in einem Jugendzentrum und wirkt ein bisschen, als wäre er einem Hipster-Katalog entsprungen: lange Haare und Schnauzbart, der linke Arm bunt tätowiert, über dem T-Shirt eine Fellweste. Er fährt die Schwalbe, als wäre sie ein Accessoire. Ihm gefalle das Design, sagt er. Seit er die Schwalbe vor sechs Jahren gekauft hat, sei sie kaum defekt gewesen. Einzig der Vergaser funktionierte mal nicht richtig, und die Zündkerze war defekt. Er lernte schnell, solche Dinge selbst zu reparieren. So etwas geht bei der Schwalbe noch. Erfinder Erhard Werner hat mehrere Bücher veröffentlicht, in denen er haarklein erklärt, aus welchen Teilen der Roller besteht; was daran kaputtgehen könnte.

„Wenn ich etwas selbst reparieren kann und das mit meinen eigenen Händen schaffe, dann schätze ich es viel mehr“, sagt Fiedler. Man müsse sich nichts Neues kaufen, wenn das Alte noch funktioniere. So bedient die Schwalbe heute das Manufactum-Lebensgefühl seiner Generation: Die Dinge sollen nachhaltig sein, retro und dabei irgendwie schön aussehen.

Vadim Bekichev, der Hamburger Anwalt, hat in seinem Keller eine Werkstatt eingerichtet. Er repariert inzwischen die Schwalben seiner Freunde. Er ist jetzt Profi. Einmal, erzählt er, sei er mit dem Moped aus Versehen in eine Gruppe Harley-Davidson-Fahrer geraten. „Um mich herum lauter schwere Jungs“, sagt er. Lederjacken, Lederhosen, Sonnenbrillen, Bärte. „Die Motorradfahrer schauten mich an, ich schaute sie an.“ Sie grüßten ihn herzlich und streckten ihre Daumen nach oben.

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