„Das hast Du verdient, du Schlampe“

Katharina, 14, verliebt sich in einen Mitschüler – und schickt ihm Oben-ohne-Fotos. Der Junge leitet die Bilder an seine Kumpels weiter, und die senden sie an die ganze Schule. Der Anfang von acht furchtbaren Monaten für die Jugendliche.

Von Kristin Haug (© SPIEGEL ONLINE, 30.07. 2015)

„Geh sterben, bring dich um“, riefen sie ihr zu. „Du Schlampe, Hure, Nutte“. Schüler aus ihrer Klasse, aus der Parallelklasse, aus unteren und oberen Klassen. Von einem auf den anderen Tag veränderte sich das Leben von Katharina, einem Mädchen aus einer westdeutschen Kleinstadt.

Plötzlich war sie nicht mehr die Neue an der Schule, sie war nur noch das Mädchen, das Nacktbilder von sich verschickt: Oben-ohne-Fotos, die ein Schüler nach dem anderen weiterleitete. Die 14-Jährige wurde nun angestarrt, ausgegrenzt und fertiggemacht.

Dabei hatte Katharina, deren richtiger Name nicht genannt werden soll, nur einen Fehler gemacht. Sie hatte sich in den Falschen verliebt und ihm vertraut – so erzählt sie es. Ihre Geschichte zeigt, welche Macht Jugendliche mit dem Internet ausüben können. Jederzeit und anonym.

Mobbing über Internet und Smartphones hat sich in den vergangenen Jahren verstärkt, sagen Wissenschaftler, die zu dem Thema forschen. Laut einer repräsentativen Befragung der ETH Zürich aus diesem Jahr wurde jeder zweite Jugendliche schon einmal Opfer von Cybermobbing. Eine Studie der Universitäten Münster und Hohenheim aus dem Jahr 2013 ergab, dass ein Drittel der Schüler von Mobbingattacken im Netz betroffen sind.

Wie häufig Kinder und Jugendliche allerdings wirklich online gemobbt werden, ist schwer auszumachen. Studienergebnisse hängen etwa davon ab, wie oft die befragten Kinder und Jugendlichen Smartphones und das Internet nutzen. Und wie Mobbing definiert wird. Zudem sind sie abhängig davon, wer befragt wird – also etwa Opfer, vermeintliche Täter oder Lehrer. Auch das Alter und das Geschlecht der Jugendlichen spielt eine Rolle.

Katharina will unbedingt mit dem Jungen zusammenkommen

Im November kommt Katharina neu an die Schule, ihre alte gefiel ihr nicht mehr. Sie wird nur zehn Tage bleiben. Katharina freundet sich mit ihren neuen Mitschülern an – und mit einem Jungen aus der Parallelklasse. „Er kam nett rüber und ist Skateboard gefahren“, sagt Katharina. Die beiden haben sich auf Facebook geschrieben, dann Nummern ausgetauscht und über WhatsApp gechattet. Katharina verknallt sich, will unbedingt mit dem Jungen zusammenkommen. Er fordert sie auf, ihm Nacktbilder zu schicken. Wenn sie das täte, dann würde er sich überlegen, ob er ihr Freund sein würde, so schildert es Katharina. „Er hat mich erpresst“, sagt sie heute.

Sie erzählt niemandem von der Forderung des Jungen, macht in ihrem Zimmer ein paar Oben-ohne-Bilder von sich und schickt sie ab. Es sei doch nichts dabei, denkt sie sich. Das machen andere schließlich auch. Aber der Junge behält die Bilder nicht für sich, sondern sendet sie an seine Kumpels weiter. Er lädt auch noch andere Fotos von Frauen aus dem Internet herunter, die ihren ganzen Körper zeigen, nur ihr Gesicht nicht. Der Junge sagt zu seinen Kumpels, auch das sei Katharina. „Haha, verarscht“, wird er Katharina später per WhatsApp schreiben. Danach wird er sie blockieren. So erzählt Katharina die Geschichte.

Wenige Tage nachdem sie dem Jungen ihre Oben-ohne-Fotos geschickt hat, merkt Katharina, wie sie in der Schule beobachtet wird. Die Mitschüler fragen sie, was sie denn so im Internet treibe und sagen ihr, dass sie eine Schlampe sei und keine Ehre habe. Da wird ihr klar, dass der Junge sie verraten hat. „Ich habe es nicht hingekriegt, ihn darauf anzusprechen. Ich konnte mit niemandem mehr reden, weil ich mich so geschämt habe“, sagt Katharina. Sie entscheidet sich für den einzigen Ausweg, den sie in dieser Situation sieht: Sie bleibt zu Hause. Einen Monat lang geht sie nicht mehr in die Schule. „Ich war psychisch am Ende“, sagt sie.

Mehr als ein halbes Jahr später sitzt Katharina im Wohnzimmer und erzählt, wie sie zum Mobbingopfer wurde. Sie trägt blauen Eyeliner, Hotpants mit Strass-Steinchen und eine pinkfarbene ärmellose Bluse mit weißer Stickerei. Ihre Haare hat sie blondiert. Im Wohnzimmer stehen blaue Ledersofas. Auf einem liegt eine Decke mit Leopardenmuster. Der Balkon zeigt auf den gepflegten Garten, in dem ein Apfelbaum steht. Alles ist ordentlich und sauber. Der Vater arbeitet im Schichtdienst, die Mutter kam vor zwei Jahrzehnten nach Deutschland, beide wirken sehr besorgt um ihre Tochter.

„Katharina trägt einen Teil der Schuld“, sagt die Mutter

Als der Anruf aus der Schule kommt, geht die Mutter ans Telefon. Ein Lehrer sagt, Katharina habe Nacktbilder von sich verschickt. „Ich verstand erst nicht, was passiert war und konnte es nicht glauben“, sagt die Mutter. Sie schaut sich die Bilder an. Auf drei Fotos erkennt sie ihre Tochter. „Das auf den anderen Fotos war nicht Katharina“, sagt die Mutter. Die Eltern gehen mit ihrer Tochter in die Schule, sprechen mit der Sozialpädagogin der Schule. Die sammelt daraufhin die Handys der Jungs ein, die Katharinas Nacktbilder verbreitet haben und löscht die Fotos. Doch niemand kann prüfen, ob die Bilder noch irgendwo im Umlauf sind.

„Katharina trägt einen Teil der Schuld, weil sie die Bilder verschickt hat“, sagt die Mutter. Und der Vater: „Wir haben abgewogen, Anzeige zu erstatten, aber wir wollten das so regeln. Wir wollten, dass die ganze Geschichte vergessen wird.“ Doch da ahnen die Eltern noch nicht, wie grausam Jugendliche sein können.

Nach einem Monat zu Hause beschließt Katharina, erneut die Schule zu wechseln. „Ich habe meine Eltern angefleht, mich nicht auf die alte Schule zurückzuschicken“, erzählt sie. Eigentlich will sie auf eine ganz neue Schule, doch die Mutter sagt, sie solle wieder die Schule besuchen, auf der sie schon vier Jahre lang war und auf der sie Freunde hat. Katharina wechselt also zurück an ihre erste Schule. Doch auch da sind die Nacktbilder schon angekommen. Das Mobbing geht in die zweite Runde.

Die Mädchen wollten sie verprügeln

„Meine ehemaligen Freundinnen waren sauer auf mich, weil ich sie vernachlässigt hatte. Dann haben sie sich gerächt“, sagt Katharina. Die Mädchen richten WhatsApp-Gruppen ein, verbreiten dort die Fotos und lästern übel über Katharina. Selbst als jemand schreibt, dass es illegal sei, solche Fotos zu verschicken, antwortet ein Mädchen: „Ich bin 13 und noch nicht strafmündig.“ Katharina stellt die Mädels zur Rede, will wissen, warum sie ihr das antun. „Das hast du verdient, du Schlampe“, sagen sie zu ihr. Katharina beschwert sich bei einer Lehrerin, und als die Mädchen das mitbekommen, drohen sie ihr Prügel an.

„Ich wusste nicht, warum sich auf einmal alle gegen mich verschworen hatten“, sagt Katharina. Nur ein Mensch hilft ihr aus dieser Situation heraus. Ihre beste Freundin. „Sie hat mich verteidigt und nicht geglaubt, was die anderen über mich sagten, weil sie mich besser kennt“, sagt Katharina. „Ohne sie hätte ich das nie durchgestanden.“

Katharina hat abgewartet, sie hat die ständigen Beleidigungen über sich ergehen lassen, sie ist an der Schule geblieben. Mittlerweile hat sich die Aufregung gelegt. Katharina sagt, sie hätte gelernt, dass man vor jeder Tat die Konsequenzen bedenken müsse. Sie hat wieder Freundinnen, denen sie vertraut. Jetzt, rund acht Monate nachdem Katharina die Fotos verschickt hat, wird sie nur noch manchmal als Schlampe beschimpft.

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Ein Gedanke zu “„Das hast Du verdient, du Schlampe“

  1. Die Eltern tragen die Hauptschuld, nicht das Mädchen. Sie müssen ihre KInder darauf vorbereiten, dass man derartige persönliche Bilder nicht weitergibt und vor allem keine Freundschaft auf Facebook und mittels WhatsApp beginnen kann.

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