Die Leerstelle

Sie freuen sich auf den gemeinsamen Lebensabend. Dann stirbt der Ehemann. Ganz plötzlich. Und die Witwe verliert ihren Lebensinhalt.

(Von Kristin Haug, erschienen im Dezember 2015 im ZEIT Wissen Magazin)

ZUM ERSTEN MAL seit vielen Jahren übernachte ich im selben Raum wie meine Mutter und höre auf ihren Atem. In dieser Nacht will ich sie nicht allein lassen, sondern über ihren Schlaf wachen, der noch ruhig ist und ihr für kurze Zeit Schutz bietet vor dem, was sie bald wieder einholen wird. Sie ist blass, ihre Augen sind vom Weinen angeschwollen, und sie wirkt in ihrem Ehebett klein und zerbrechlich.
Ich kann nicht schlafen, weil ich Angst davor habe, sie könnte aufwachen. Denn dann wird die Erinnerung an das zurückkehren, was am Vortag passiert ist. Es wird sich in ihr festsetzen wie ein bösartiger Tumor, den ihr niemand herausschneiden kann und mit dem sie von nun an leben muss. Und ich habe Angst davor, dass sie aufhört zu atmen und von einem auf den anderen Moment sterben wird, so wie ihr Mann am Tag zuvor.

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