Andrea Gjestvang

„Ich wünschte, ich hätte die Fotos nie machen müssen“

Ein Jahr lang fotografierte Andrea Gjestvang Jugendliche, die das Massaker von Utøya überlebten. Für ihre Fotoserie „One Day in History“ erhält die Norwegerin den Sony-World-Fotopreis. Im Interview spricht Gjestvang über die Herausforderung, innere und äußere Narben der Überlebenden festzuhalten.

Von Kristin Haug © SPIEGEL ONLINE, 26.04.  2013

SPIEGEL ONLINE: Frau Gjestvang, die Jugendlichen, die Utøya überlebt haben, haben schwere Traumata davongetragen. Warum haben Sie sich dafür entschieden, sie vor die Kamera zu holen?

Gjestvang: Ich habe gleich nach dem Attentat darüber nachgedacht. Es ist wichtig, diese schreckliche Geschichte zu erzählen. Aber ich konnte die Überlebenden nicht sofort fotografieren, ich wollte ihnen Zeit geben, um in ein annähernd normales Leben zurückzukehren. Mit den Fotos habe ich sechs Monate nach dem Massaker begonnen und mir etwa ein Jahr dafür Zeit gelassen.

SPIEGEL ONLINE: Auf ihren Bildern sieht man Jugendliche, die Narben tragen, die Körperteile verloren haben. Wie geht man an ein solches Fotoprojekt heran?

Gjestvang: Das war die große Herausforderung. Mir fiel es schwer, die Jugendlichen zu treffen, denn als Außenstehender kann man nicht verstehen, was sie durchgemacht haben. Deshalb musste ich mich ganz auf die Überlebenden konzentrieren.

SPIEGEL ONLINE: Das heißt…?

Gjestvang: Ich wollte wissen: Wie fühlen die jungen Menschen? Wer sind sie? Ist es in Ordnung, sie zu fotografieren? Ich habe mich dabei als Fotografin zurückgenommen und darauf verzichtet, die Bilder großartig zu inszenieren, irgendwelche Effekte einzusetzen. Ich wollte die Jugendlichen in ihrem Zuhause fotografieren. Aber alles andere – wo sie sitzen, ob drinnen oder draußen – habe ich vor Ort entschieden.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie das Vertrauen der Jugendlichen gewonnen?

Gjestvang: Ich habe lange mit ihnen geredet, bin ihnen mit Respekt entgegengetreten.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Fotos stimmen sehr nachdenklich und verstören, weil sie nicht nur die leeren Blicke und die Lethargie der Überlebenden zeigen, sondern auch die äußeren Wunden.

Gjestvang: Die größten Narben habe ich nicht fotografiert. Einige der Überlebenden wollten das auch nicht. Die meisten Jugendlichen waren einverstanden damit, ihre Verletzungen zu zeigen. Sie sind nicht stolz auf ihre Narben, aber sie tragen sie mit Würde.

SPIEGEL ONLINE: Welches Bild hat Sie am meisten bewegt?

Gjestvang: Mir sind alle Bilder dieser Fotoserie wichtig. Doch es gibt dieses Foto von einem rothaarigen Mädchen, was mich sehr beschäftigt hat. Ylva Helen Schwenke ist 15 Jahre alt. Sie hat eine große Narbe in ihrem Nacken. Sie schaut in die Zukunft, aber sie trägt die Geschichte auf ihren Schultern.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie sich durch das Fotoprojekt verändert?

Gjestvang: Utøya selbst hat mich verändert, das ganze Ereignis. Man sagt zwar immer, Zeit heilt alle Wunden. Aber seit Utøya glaube ich nicht mehr daran. Manchmal werden Dinge einfach nicht mehr gut. Das Leben schafft Wunden, und damit muss man leben. Ich habe aber auch gelernt, mir nicht mehr so viele Gedanken über Kleinigkeiten zu machen, manche Dinge nicht mehr so ernst zu nehmen.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben die Überlebenden auf ihre Fotos reagiert?

Gjestvang: Die Jugendlichen waren froh, dass ich die Aufnahmen gemacht hatte. Sie haben sich oft anders in ihnen wiedererkannt. Sie hatten sich so noch nicht gesehen.

SPIEGEL ONLINE: Sie wurden mehrfach für diese Fotoserie ausgezeichnet. Was bedeuten Ihnen diese Preis?

Gjestvang: Ich bin dankbar. Meine Fotos haben viele Menschen bewegt, etwas in ihnen hervorgerufen. Aber ich wünschte mir auch, dass ich diese Fotos niemals hätte machen müssen.

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