Marcel Mettelsiefen

Inkognito unter Assads Getreuen

Neben ihm gingen Raketen nieder, er sah entstellte Leichen und sterbende Kinder. Nun erhält Marcel Mettelsiefen für seine Syrien-Berichterstattung den Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis. Im Interview spricht der Reporter über Leid, Hoffnung und Vergebung.

Von Kristin Haug © SPIEGEL ONLINE, 18. 04.  2013

SPIEGEL ONLINE: Herzlichen Glückwunsch, Herr Mettelsiefen. Sie erhalten in diesem Jahr den Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis für Fernsehjournalismus.

Mettelsiefen: Damit hatte ich nicht gerechnet. Ich habe nicht einmal einen Fernseher zu Hause. Es liegt einzig an Syrien, dass ich mit diesem Preis ausgezeichnet werde. Ich bin freier Journalist, wenn ich nicht den Rückhalt der Redaktionen gehabt hätte, hätte ich diese Fotografien und Filmaufnahmen niemals machen können.

SPIEGEL ONLINE: Wie sind Sie in die Krisengebiete reingekommen?

Mettelsiefen: Ich habe Medizin studiert und mich unter dem Vorwand, Arabisch lernen zu wollen, bei der syrischen Botschaft um ein Visum beworben. Dann konnte ich ein Dreivierteljahr inkognito über die Assad-Anhänger, aber auch über die Rebellen berichten. Und dann ist aufgeflogen, dass ich nicht als Medizinstudent unterwegs war, sondern als Journalist.

SPIEGEL ONLINE: Was ist passiert?

Mettelsiefen: Ich musste das Land verlassen und konnte seitdem nur noch illegal über die Türkei einreisen. Über die Anhänger des Regimes konnte ich dann natürlich nicht mehr berichten, ich war „verbrannt“, die kannten mich, haben herausgefunden, dass ich über die Rebellen berichtet habe.

SPIEGEL ONLINE: Aber Sie haben auch mit den Rebellen zusammengelebt.

Mettelsiefen: Wenn man in dem Land über die Rebellen berichten will, dann macht man das nicht nur ein paar Stunden am Tag. Ich habe jede Sekunde mit ihnen verbracht. Nur so konnte ich im Land reisen. Die Aktivisten bringen einen von Gebiet zu Gebiet, ich war auf sie angewiesen.

SPIEGEL ONLINE: Hanns Joachim Friedrichs hat gesagt, einen guten Journalisten erkenne man daran, dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache, auch nicht mit einer guten. Inwieweit mussten Sie sich mit den Rebellen gemein machen, um an Informationen heranzukommen?

Mettelsiefen: Ich musste ihr Vertrauen gewinnen, durch Empathie und Humor. Das ging manchmal sehr schnell. Aber ich war mir bewusst, dass die Realität, die mir die Rebellen zeigten, gefärbt war. Und weil ich nicht mehr über die Gegenseite berichten konnte, musste ich meine Arbeit darauf reduzieren, Zeuge zu sein. Ich habe gefilmt, was mir vor die Augen kam, und habe mit O-Tönen der Rebellen kommentiert. Mich hat aber weniger die Frontberichterstattung interessiert, ich wollte zeigen, wie sich Menschen entwickeln.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben sich die Syrer verändert?

Mettelsiefen: Sie sind radikaler und religiöser geworden. Die Rechnung des Regimes, die Zivilbevölkerung zu zermürben, ging auf. Je verzweifelter die Menschen sind, desto gläubiger werden sie. Und das Ausland wird strengen Islamisten weniger helfen als einer gemäßigten Gesellschaft.

SPIEGEL ONLINE: Durchschauen das die Rebellen nicht?

Mettelsiefen: Doch, aber es ist ihnen egal. Sie haben zwei Jahre umsonst auf Hilfe aus dem Ausland gewartet. Jetzt fliehen sie in den Glauben.

SPIEGEL ONLINE: Wie gehen Sie mit dem Leid um, das Sie in Syrien sehen?

Mettelsiefen: Ich habe Leichen mit gespaltenen Schädeln gesehen, ich habe erlebt, wie in einer Nacht 55 Kinder starben. Damit kann ich nur umgehen, indem ich produktiv bin und nicht nur über das Leid berichte, sondern auch von Hoffnung und Vergebung erzähle.

SPIEGEL ONLINE: Wo findet man Hoffnung und Vergebung in Syrien?

Mettelsiefen: Einmal haben sich zwölf Assad-Getreue nach Monaten dazu entschlossen zu desertieren. Am Morgen hatten sie noch auf Rebellen geschossen, am Nachmittag haben sie die Fronten gewechselt. Anstatt sie zu lynchen, haben die Assad-Gegner die Deserteure umarmt und mit ihnen gefeiert. Das sind große Momente. Ich fühle mich sehr privilegiert, dass ich das miterleben darf.

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